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Neustart in der Backstube

Süddeutsche Zeitung 21.04.17
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Martin Freundl verrät seinem Lehrling Jawad Bakhshi die Geheimnisse seiner Zunft. Der 19-Jährige hat Spaß an seiner Ausbildung, braucht aber noch Extra-Unterstützung.
(Foto: Christian Endt)

Der junge Afghane Jawad Bakhshi macht eine Ausbildung bei der Ebersberger Bäckerei Freundl. Er ist dort nicht der einzige Lehrling mit Migrationshintergrund.

Von Barbara Mooser, Ebersberg

Aus den Zetteln, die er vorbereitet hat, hat er eine feste Rolle gedreht. Ein bisschen hält sich Jawad Bakhshi, grünes T-Shirt, Brille, daran fest, als er in dem großen Saal mit leiser Stimme zu reden anfängt.

Seine eigene Lebensgeschichte ist es, die der 19-Jährige erzählt, sie spielt in Afghanistan, im Iran und nun auch im Landkreis Ebersberg. "Ich hoffe, ich schaffe meine Ausbildung", sagt er ganz am Ende, "ich hoffe, ich darf in Deutschland bleiben. Ich hoffe, ich finde Arbeit als Bäcker. Ich hoffe, ich kann meiner Familie helfen. Ich hoffe, ich werde eine eigene Familie haben." Bakhshi lacht verlegen, dann spenden ihm die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses im Hermann-Beham-Saal warmen Applaus.

Noch liegen zwar viele Hürden vor dem jungen Mann, der als Jugendlicher allein nach Deutschland gekommen ist, doch er ist auf einem guten Weg - und er muss diese Hürden nicht allein überwinden: Jawad Bakhshi ist einer von derzeit 21 jungen Leuten, die mit Unterstützung des Landkreises eine so genannte assistierte Ausbildung absolvieren. Im September hat er seine Bäckerlehre bei Martin Freundl in Ebersberg angefangen. Brezen schlingen kann er längst, auch in die Geheimnisse von Körnersemmeln und Blätterteig haben ihn Chef und Kollegen bereits eingewiesen. "Die Leute sind wirklich nett, es macht Spaß", erzählt der 19-Jährige, "aber die Berufsschule ist schwierig, ich kann nicht alles verstehen."

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Kein Fremdeln beim Freundl: Azubi Jawad Bakshi und Bäckermeister Martin Freundl.
(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Damit Bakhshi dennoch nicht den Anschluss verliert, fährt er fast jedes Wochenende, wenn Gleichaltrige Fußball spielen oder Freunde treffen, nach Kirchseeon ins Berufsbildungswerk. Zwei Ausbildungsbegleiter, zwei Sozialpädagoginnen und eine Deutschlehrerin kümmern sich dort um ihn und die anderen Azubis der "AsA Landkreis", wie die Gruppe genannt wird.

"Alle zusammen unterstützen wir, hauptsächlich am Wochenende, die Jugendlichen in der Hauptsache in Deutsch, Fachdeutsch, Mathematik, Berichtsheftführung. Auch berufsspezifischer Fachunterricht ist teilweise enthalten", erläutert Joachim Erbath, Fachgruppenleiter Migration bei der Stiftung St. Zeno in Kirchseeon. Mindestens ebenso wichtig: Auch bei all dem, was es in Ämtern, der Berufsschule oder in den Betrieben zu regeln gilt, helfen die Fachleute von St. Zeno den jungen Leuten.

Schule spielte in Afghanistan keine Rolle

Das Konzept der assistierten Ausbildung für junge Menschen, die mehr Unterstützung benötigen als andere, gibt es schon länger. Neu ist es als Fördermittel für Geflüchtete. Den Großteil der Kosten übernimmt die Arbeitsagentur; bei der einen Gruppe zahlt aber auch der Landkreis mit, 80 000 Euro über vier Jahre verteilt. "Soweit mir bekannt ist, sind wir in ganz Bayern bisher die einzigen AsA-Gruppen", sagt Erbath. Außer der AsA Landkreis gibt es nämlich noch die AsA Lidl; der Discounter ist hier Partner für die Ausbildung von 23 Flüchtlingen im Lidl-Lager in Anzing und in Läden im Landkreis.

Für Jawad Bakshshi war die Aufnahme in die Gruppe schon der erste große Erfolg. Denn Schule hat in der Vergangenheit in seinem Leben keine große Rolle gespielt. Geboren in Afghanistan, siedelte er schon als Zweijähriger mit seiner Familie in den Iran um. Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben dort zerschlug sich. Der Vater starb früh, schon als Zwölfjähriger musste Jawad Bakshshi in einer Schneiderei zum Lebensunterhalt der Familie beitragen.

"Im Keller, bei ganz wenig Licht" nähte er T-Shirts, Mäntel, Tschadors, wie er erzählt. Die Familie sei der Willkür der Polizei ausgeliefert gewesen. Eine Perspektive für den Jugendlichen sah seine Mutter schließlich nur noch in Deutschland, sie schickte ihren Sohn auf die Reise. Mit 16 machte er sich allein auf den Weg. Zu Fuß, drei Monate lang. Im Sommer 2015 kam er im Landkreis an, lebte zunächst in einer Jugendhilfeeinrichtung in Markt Schwaben. Im Sommer 2016 ist er in eine vom Jugendamt betreute WG in Grafing umgezogen.

Dass er sich für die assistierte Ausbildung eignet, musste der junge Mann in einem Assessment-Center unter Beweis stellen. Handwerkliches Geschick wurde erprobt, aber auch Deutsch und Mathekenntnisse wurden abgefragt, Kreisberechnung, Zylinderberechnung, solche Dinge. "Es ist gar nicht so einfach. Ich habe selbst teilgenommen - und anscheinend Nachholbedarf", sagt Florian Robida und lacht.

Der stellvertretende Jugendamtsleiter ist zuständig für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die im Landkreis leben. Er bemüht sich, den jungen Leuten nicht nur ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Verpflegung zu bieten, sondern auch eine Perspektive, Arbeit also oder eine Ausbildung. Das hat nur zum Teil den Grund darin, dass wer nichts zu tun hat, schnell auf dumme Gedanken kommt. Es soll den Jugendlichen auch zeigen, dass sie Chancen haben - wenn nicht hier, dann vielleicht immerhin in ihren Heimatländern.

Nicht immer ist es ganz einfach, auch den Jugendlichen diese Idee zu vermitteln. Lernen steht nun mal in der Jugend oft nicht ganz oben auf der Prioritätenliste - das ist bei einem jungen Syrer auch nicht anders als bei einem jungen Oberbayern. Das Assessment-Center sollte deshalb auch zeigen, dass die Jugendlichen die richtige Motivation und Ausdauer mitbringen. "AsA heißt wenig Freizeit in einem Alter, wo man sich abnabelt, wo man vielleicht auch anfängt, Mädchen interessant zu finden", erläutert Robida.

Drei Lehrlinge mit Migrationshintergrund

Für Jawad Bakhshi aber sind die Prioritäten momentan klar: Arbeit, Schule, wenn Zeit bleibt vielleicht noch ein bisschen Schach. Bäckermeister Martin Freundl hat jedenfalls nicht bereut, dass er sich für den jungen Mann als Azubi entschieden hat. "Er ist zielstrebig und menschlich sehr angenehm", sagt er. "Er ist auch interessiert am Beruf, pünktlich und bringt die wichtigen sozialen Schlüsselqualifikationen mit."

Bakhshi ist nicht der einzige Lehrling mit Migrationshintergrund, der in der Backstube arbeitet. Ein weiterer junger Mann aus Afghanistan und ein Iraker sind auch noch da. Aber ohnehin seien in seinem Team 13 Nationen vereint, erzählt Freundl, und das funktioniere ganz wunderbar. "Nur Bairisch können sie nicht", sagt er und lacht. "Auch für uns ist es ein Glück, dass es Menschen wie Jawad gibt, die willig sind und motiviert", sagt der Ebersberger Unternehmer. Er macht aber auch deutlich, dass es ohne die besondere Förderung wohl nicht ginge, "dann hätte es wenig Sinn".

Läuft alles weiter gut für Jawad Bakhsi, dann wird er wohl erst einmal bleiben können, obwohl sein Asylantrag abgelehnt wurde. Die sogenannte Drei-plus-zwei-Regelung besagt, dass Flüchtlinge, die eine duale Ausbildung absolvieren, während der dreijährigen Lehre eine Duldung und für eine anschließende Beschäftigung zwei Jahre lang ein Aufenthaltsrecht erhalten. Und was danach kommt, wird sich noch zeigen.

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